12
Mrz
2020
3

#TextZaubererin

von Natascha Ronner.

Dunkel und nagend lauert sie an allen Ecken, wurde zum ständigen Begleiter bei jedem Gang in den Supermarkt, bei jeder Fahrt in den öffentlichen Verkehrsmitteln und raubt uns so auch den letzten Rest von Sicherheit. Die Angst! Seit Wochen wird sie von Horrornachrichten in den Medien geschürt. Und während man beobachtet wie sich gesunde Menschen um eine Rolle Toilettenpapier prügeln, beginnt man sich zu fragen, ob die wirklich Erkrankten tatsächlich die eigentliche Gefahr darstellen.

Fakt ist, die Grippe verbreitet sich sehr schnell, scheint aber für gesunde Menschen keine allzu grosse Gefahr darzustellen. Woher also die Angst? Zumal Personen der gefährdeten Gruppen, wie z.B. Menschen über 70 nicht die gleich grosse Angst zu verspüren scheinen, wie die jüngere Generation. Meine 85 Jahre alte Oma meinte erst kürzlich in ihren herrlichen Dialekt zu mir: «Wänns eim nimmt, denn nimmts eim halt.».

Der Umgang mit Medien

Kann man dies nun darauf zurückführen, dass sie bereits ein langes glückliches Leben hatte und wir um unser junges Leben fürchten, oder ist es etwas anderes? Ist ihre Furchtgrenze vielleicht höher? Ich meine wir sind die verwöhnte Generation, wir kennen keine Kriege oder grosse Not, zumindest nicht am eigenen Leibe. Eigentlich ist es das erste Mal, dass wir uns wirklich vor etwas fürchten müssen. Etwas, dass nicht mal vor den Grenzen der doch so neutralen Schweiz halt macht. Oder kommt da noch etwas hinzu? Ist es vielleicht die Art wie meine Grossmutter und ihre Generation die Nachrichten liest? Jeden Morgen nimmt sie sich Zeit, die Zeitung gründlich zu studieren, jeden Abend schaut sie aufmerksam die Tagesschau, um sich ein genaueres Bild zu machen. Das Ergebnis: Meine Grossmuttter hat Respekt aber keine Angst. Und unsere Generation? Wir sehen angsteinflössende Posts im Internet und überfliegen – mit unserer durch Reizüberflutung minimierten Aufmerksamkeitsspanne einer Eintagsfliege – erschreckende Statistiken auf dem Handy. Liest man aber nur die Headlines oder nur Teile eines Artikels, löst dies unausweichlich Angst aus, denn die Aufgabe einer Headline ist es, den Artikel interessant zu machen.

Ein Beispiel:

Erstes Corona-Todesopfer in der Schweiz

Oder

74 Jahre alte Dame mit chronischen Erkrankungen starb in der Schweiz. Sie war ausserdem am neuartigen Coronavirus erkrankt.

Natürlich, das zweite ist keine Headline, kein Grund, dass Menschen den Artikel lesen würden. Denn Lesen wiederum erfordert Zeit, und die hat in unserer Generation ja sowieso niemand mehr.

Ein Hoffnungsschimmer?

Könnte man also am Ende sogar vermuten, dass die Angst um den Virus nicht nur der Wortgewalt der Medien, sondern auch unserem Umgang damit geschuldet ist? Was wenn wir alle anfangen genauer zu lesen, uns zu informieren und wieder etwas auf den Boden der Tatsachen zurück zu kehren. Wäre dann die Lage besser? Würden die Diebstähle von Desinfektionsmitteln in den Krankenhäusern und die Prügeleien um Toilettenpapier aufhören? Würden wir uns wieder erinnern, dass gesunder Respekt viel nützlicher ist als blanke Angst? Würden dann aus Tieren wieder Menschen mit eigenem Verstand? Wer weiss … Ich zumindest nehme mir seit mehreren Wochen wieder viel mehr Zeit Artikel gründlich zu lesen und mir daraus Mut zu holen z.B. mit der Anzahl bereits geheilter Patienten. Denn schlussendlich haben Wörter immer nur genau die Macht, die wir ihnen zugestehen. Und darin liegt der grösste Zauber.

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