10
Mrz
2020
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#WORTANLEGERIN

Wie alles begann.

Ich glaube, mein Talent als Anlegerin guter Worte kommt vom napoletanischen Dauergeschrei, das meine Kindheit und Jugend geflutet hat. Ich konnte nie kein gutes Wort einlegen, denn niemand hörte mir zu, alle waren zu lautstark damit beschäftigt, den anderen in Grund und Boden zu argumentieren. Meine Eltern schrieen dezibelmässig so herum, als ob es um Leben oder Tod ginge. Es war zum Verrücktwerden, und ja, ich habe sehr darunter gelitten.

Als sich meine Eltern einmal so gestritten haben, dass sich eine besorgte Nachbarin an der Türe meldete, hatte ich die Wahl: Mich als Opfer akustischer Misshandlungen zu outen oder… eine Idee zu haben.  Ich habe mich mit 11 Jahren instinktiv entschieden, auf Deutsch umzusatteln und ein gutes Wort für meine Eltern einzulegen. Fast reflexartig habe ich in reinstem Schweizerdeutsch gesagt: „Neinei, Frau Müller, sie müend nöd Polizei hole, mini Eltere redet nur luut übers Koffere packe für d’Summerferie.“

Ich habe es als Kind geschätzt, dass sich die Schweizer sorgten um meine Sicherheit. Aber der sprachliche Sturm und Drang meiner Eltern gehörte zu ihrem Lokalkolorit, sie waren leidenschaftlich gute Menschen und ich habe mich damals entschieden, einfach eine neue Sprachwelt zu bauen in gutem Deutsch. Ich habe mit etwas Denkarbeit und Empathie, ihr Geschrei als typisches Dampf ablassen von Süditalienern verkauft, ich habe auf einen kreativen Weg der Wahrnehmung bei den Nachbarn gesetzt und das Drama war auf einmal ein Klischee. Allen ging es etwas besser dabei. Wahrscheinlich war das mein erster Stunt als Werbetexterin.

Mein Wortkapital wächst.

Ich bin als Schlieremer Tschinggeli durch die Aufnahmeprüfung und ins Gymi gekommen. An und für sich schon ein Achtungserfolg. Doch auch noch die Probezeit zu bestehen, als faulste Schülerin der Welt, das grenzte schon an ein Wunder. Herr Dr. Maurus Hirschle, mein Latein- und Klassenlehrer, lotete während des Notengesprächs behutsam aus, wie ich es denn so hielt mit den Hausaufgaben. Mit einem besorgten Seitenblick auf die miserable Mathematik-Note. Ich schilderte ihm oskarpreiswürdig: „Wüssed Sie, ich han keis eignigs Zimmer und kein Ort, um z’lerne.Und ich würd ja gern lerne.“ Was geflunkert war, da meine Ma sehr wohl für Ruhe sorgte am Esstisch für mich und meine Hausaufgaben. Was soll ich sagen: Der Lehrerkonvent hat meine Mathe-Note um eine Note aufgerundet und ich bestand. Als ich es lachend zu Hause erzählte, räumte meine Mutter meine beiden Brüder in ihr Schlafzimmer und meine Eltern schliefen ab dann im hinteren Teil des Wohnzimmers.

Mein Sprachtalent reift.

Ich bestand auch die Matur und meine Leidenschaft für Sprache hat mir zum ersten Job in einer Werbeagentur verholfen. Den netten Herr Quadri, Chef einer keinen, aber feinen Agentur an der Nidelbadstrasse in Zürich Wollishofen, habe ich so voll geschwafelt, dass er mir einen Telefonistinnen-Job gegeben hat. Meinen letzten Satz in meinem Monolog hat er sich besonders zu Herzen genommen. „Ich will Texteri werde. Ich weiss, dass ich das chann und denn hend Sie eini im huus.“ Was eine wilde Hypothese meinerseits war, und trotzdem hat er mich zur BSW Texterschule angemeldet.

Meine Wortaktien steigen.

Die BSW Texterschule habe ich als geprüftes Texttalent verlassen und wurde als Praktikantin in einer Werbeagentur für Waschmittel aufgenommen. Aber auf wie viele Arten kann man OMO mit TAED plus anders sagen? Genau.Es gab die Berater, die als natürliche Gegner der Kreativen galten, und es gab die Kunden, die wir als Kreative unbedingt für unsere Ideen gewinnen mussten. Ich habe versagt, ich war ein Jahr lang das Püppi, über das alle lachten und dessen Ideen direkt in der Papierkorb landeten. Bis ich eines Tages für eine Publireportage für Lego Ritter&Schlösser-Bausets eine folgende Headline schrieb: „Viel Feind, viel Ehr.“ Die Beraterin Sonja Sigg, die auf dem Kunden war, hat von Herzen gelacht, als sie sie gelesen hat, und mich mit anderen Augen angesehen. Diese Headline und der lange, lange Text dazu schaffte es gedruckt zu werden. Und verhalf mir zu einer Haltung, die ich bis heute lebe.

Return on Wortvestment.

Meine texterische Feuertaufe bestand ich in meiner ersten Kreativagentur als Junior. Bei Lesch + Frei war ich, ausser der Buchhalterin und den Art Directorinnen, die die Ehefrauen der Inhaber waren, das einzige weibliche Utensil inmitten von fünfundzwanzig Männern. „Wer nöd tschutte cha, chan au nöd tegste.“ Das beschied mir Peter Lesch ziemlich oft, auch weil Aldo Frei mich für ihn engagiert hatte, ohne ihn einzuweihen. Ich war also als Witzfigur gedacht von Anfang an. Doch ich habe mich reingebissen in die Briefings, und habe mich für das Prestige-Etat, eine intellektuelle Wochenzeitung, gerissen. Und eines Tages habe ich ihn geschrieben, den besten Headline-Duktus für eine Inserenten-Werbekampagne. Ausgesuchte Verben, ein perfektes Wortbild nach dem anderen und ein wortloses Hinlegen meines Manuskripts haben… gopferteckel ein Lob und ein Lächlen von Peter hervorgezaubert: „Du chasch es ja doch!“ Dieses Quittieren besiegelte meine Karriere, denn auf einmal war der Lesch mein Mentor und hatte es ja schon immer gewusst, dass ich was tauge. Und der Bosch wollte mich auch, und der Butz sowieso.

Wortreich von der Konzepterin zur Kursleiterin.

Ich habe schon für alles geworben. Das war ein grossartiger Spass und hat genug Geld eingebracht. Ich wurde für Pitches und kreative Konzepte als Freelancer geholt, machte mich selbständig, gründete zuerst eine Werbeagentur mit und dann eine PR-Agentur. Und dann habe ich mich weiter entwickelt. Heute bin ich Kursleiterin und lege mehr als ein gutes Wort ein, wenn jemand kommt und die Idee hat, Texter, Texterin werden zu wollen. Es ist ein Privileg mit Creative Coaching, Sprachtalente zu professionellen Schreibern zu machen und durch die eidgenössische Prüfung zu begleiten.

Meine Wortrendite.

Ich mag den Moment ausserordentlich gern, wenn ich beim Aufnahmegespräch merke, dieser Mensch lebt auf dank seiner Sprachliebe. Die Augen versprühen mehr Lebensfreude, wenn er oder sie von seinen Gedichten, Raps, Hochzeitsreden, Liebesbriefen, Artikeln, Websites, Novellen, Aufsätzen etc.etc. erzählt. Es ist eine wirklich coole Gemeinschaft, diese Welt der kreativen Schreiberlinge. Und ich hoffe, ich bekomme als WORTANLEGERIN noch viele Jahre die Chance, meine guten Worte in neue Texttalente zu investieren.

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2 Responses

  1. Sehr schön. Aber ich hätte gerne noch ein bisschen von den wichtigen Worten aus deinem Leben gelesen. Worte, die in jedem Lebensabschnitt eine zentrale Bedeutung hatten. 🙂

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