1
Jul
2020
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Von Joghurtbechern und echten Hinguckern

Kennen Sie das Schimpfwort „Joghurtbecher“ für die japanischen Motorräder der 80er-Jahre? Die mit der bunt bedruckten Plastikverkleidung. Nun, kürzlich habe ich in einer Illustrierten den Joghurtbecher unter den Inseraten gesehen … so laut und verwirrend, dass man sofort weiterblättert. 

„Egal, was die verkaufen – brauche ich nicht“, habe ich gedacht, und schnell weitergeblättert. Aber das TastenChamäleon war neugierig geworden. Es wollte sich die – so seine Wortwahl – „Mindfuck-Werbung“ ganz genau anschauen. „Wie haben die es geschafft, diese Wirkung zu erzielen?“, flüsterte es nervös, „Das muss ich mir jetzt aber mal ganz genau anschauen.“ Widerstand zwecklos. Also zurückblättern und wirken lassen. 

Wir schauen und wir sehen: eine sorgfältig komponierte Seite. Beabsichtigte Wirkung: schräg, schrill, laut und provozierend. Man sieht sechs fröhliche, sehr präsente Menschen. Offensichtlich stehen sie mitten im Leben. Die knalligen Farben und die selbstbewussten Blicke sagen ganz klar: Wir haben unser Leben im Griff! 

Die Angel: widersprüchliche Botschaft

Und doch löst das Inserat eine kognitive Dissonanz aus: Denn jedes Gesicht ist irgendwie asymmetrisch, ganz geschickt inszeniert. Es wirkt, als wäre es vom Leben gezeichnet, ohne wirklich gezeichnet zu sein. Werbung eben. Jedenfalls haben die Personen offensichtlich Kämpfe zu bestehen. Die Asymmetrien stehen für Dellen und Beulen aus dem städtischen struggle for life. 

Und dann die Headline „Wir haben Complexe.“ Was?! Diese bunten, lustigen, toughen Menschen haben „Complexe“ …? Das ist paradox! So erzielt man Aufmerksamkeit. Treffer! 

Aber nicht versenkt. Denn ohne das TastenChamäleon wäre ich schon lange vor diesem Inserat geflüchtet. Joghurtbecher, MIndfuck und so, nicht weiter sehenswert. Also, was ist da los? 

Je länger ich das Inserat analysiere, umso besser gefällt es mir. Um es mit Nina Hagen zu sagen: „Alles so schön bunt hier!“ Die sechs Personen bieten Identifikationspunkte für sehr unterschiedliche Menschen: zarte, ältere, gestresste, schutzbedürftige, vegan lebende und kraftlose. Die sechs Produkte – Vitamine und Mineralien für diese sechs Bedürfnisse – können klar zugeordnet werden. Die Kernbotschaft ist schnell verstanden. 

Das TastenChamäleon drängt mich ins Internet. Ja, die Website gefällt mir auf Anhieb. Gut durchdacht, gut getextet, gut gelayoutet. Auf den Punkt gebracht. Super! 

Der Haken: Unklare Optik

Was also stört mich am Inserat? Ganz klar: Mir fehlt der Fokus. Alle sechs Personen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Das wirkt „Joghurtbecher“ und lässt mich sofort das Weite suchen. Banalitätsalarm! 

Also habe ich mal gebastelt. Dank meiner bescheidenen grafischen Fähigkeiten ist das Ergebnis optisch nicht ausgereift. Aber es sollte meine Idee deutlich machen. Insbesondere in Verbindung mit der neuen Headline und der neuen Copy. Sie kommt ohne Komplexe aus, denn wer mag die schon haben? Allenfalls sollte man den Produktnamen mit Komplexität verbinden, mit einer Rundum-Absicherung für das Leben, mit genug Energie für Beruf und Freizeit. 

Die neue Headline verstärkt den Eindruck von Fülle, Kraft und Energie. Die Beulen und Dellen bleiben zwar erhalten, rücken jedoch an den Rand und dienen nicht länger als zentraler Identifikationspunkt. 

Denn eigentlich geht es doch darum, das Leben in all seinen Facetten zu geniessen. Mit Complex haben alle genug Energie, nicht nur für Leistung im Job, sondern auch für aktiven Genuss in der Freizeit. 

Links der Joghurtbecher, rechts der Hingucker. Oder ist jemand anderer Meinung? Dann schreiben Sie uns! Das TastenChamäleon freut sich auf komplexe und hoch energetisch Diskussionen. 

 

#tastenchamäleon #mindfuckwerbung #antiwerbung

ANNETTE KNÜSEL mit #Tastenchamäleon

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